Wege zu wirkungsvollen Texten: Was uns Aristoteles dazu sagen kann

Schreiben sei ein Talent, heißt es oft. Entweder man bringe es von Hause aus mit oder eben nicht. Ich bin da anderer Ansicht: Es braucht keine besonderen Fähigkeiten oder Talente — schon gar keine schwarze Magie — um einen guten Text aufzusetzen. Vollkommen ausreichend ist es, sich wichtiger, struktureller Elemente bewusst zu werden.

Aristoteles — ausgerechnet jener Philosoph, dem wir große politischen Thesen unserer Zeit verdanken — hält in seinen Schriften zur Rhetorik hilfreiche Tipps bereit. Was er ursprünglich als rhetorisches Überzeugungssystem (Ethos, Logos & Pathos) konzipiert hat, eignet sich ebenso gut als Leitplanken für Schreiberlinge.

Übertragen auf den Schreibkontext lese ich Aristoteles Überzeugungssystem — in höchst vereinfachter Form wohlgemerkt — folgendermaßen:

ETHOS
Der Autor möchte eine aktuelle Situation verändern.

LOGOS
Der Autor argumentiert schlüssig.

PATHOS
Der Autor versteht sein Publikum.

In „Neuzeit-Sprech“ übertragen bedeutet dies: Der Autor nehme ein gesellschaftlich relevantes Thema als Ausgangspunkt, argumentiere schlüssig und nachvollziehbar und schreibe zielgruppengerecht.

Kommt irgendetwas bekannt vor? Alles schon einmal gehört, nicht wahr? Genau. Aristoteles Empfehlungen decken sich im Kern mit gängigen Textratgebern. Die schlechte Nachricht: Warum haben wir nicht eher auf die Werke des großen Philosophen zurückgegriffen? Das hätte uns einiges an Zeit und Ressourcen gespart. Die gute Nachricht für alle gebeutelten Teilzeitschreiber: Kopf hoch, Schreiben ist keine schwarze Kunst. Was es braucht, ist es, sich die drei wichtigen Elemente oben zu vergegenwärtigen: Ethos, Logos und Pathos. Und noch eine weitere Sache: Übung. Ganz viel Übung.

Auch in diesem Feld hat Aristoteles übrigens einen wichtigen Grundsatz unserer Zeit geprägt: learning by doing. In diesem Sinne viel Erfolg beim wirkungsvollen Texten!

PS: In einem Folgeblogbeitrag (wirkungsvoll Texten II) geht es weiter mit Handwerktipps für das Schreiben von Gebrauchstexten!

 

Update 27.10.17: Vor kurzem erreichte mich die Kritik, dass ich hier eine höchst spezielle Lesart von Aristoteles vornehmen würde und der Mehrwert für Schreiberlinge nicht ganz durchgedrungen wäre. Dazu möchte ich folgendes ergänzen: Meine Empfehlungen richten sich vor allem an sozialwissenschaftliche Gebrauchstextautoren, als Leitplanken und didaktisches Instrument. Daher rührt auch meine Lesart des Begriffs Ethos in diesem Kontext, den ich im Synonymfeld Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein verorte und entsprechend als Willigkeit des Autors interpretiere, mit seinem/ihrem Text eine aktuelle Situation verändern zu wollen. Damit ist nichts geringeres als sozio-politische Relevanz gemeint.

 

 

2 Kommentare zu „Wege zu wirkungsvollen Texten: Was uns Aristoteles dazu sagen kann

  1. Wenn das, was du da darlegst, sowieso bereits aktuelle Schreibratgeber erklären, weshalb dann dieser historische Bezug? Worin liegt der Mehrwert, sich Aristoteles zu widmen? Mal abgesehen, dass mit Ethos in der aristoteleschen Rhetorik die innere Haltung des Redners gemeint ist, sein tugendhafter Charakter. Das ist ein Punkt, der heute wohl sowohl beim Reden als auch beim Schreiben keine bedeutende Rolle mehr spielt.

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    1. Hi Alexandra,

      herzlichen Dank für deine Nachricht.

      Wenn ich das richtig verstehe, findest Du den Bezug zu Aristoteles nicht ganz nachvollziehbar bzw. siehst darin keinen Mehrwert.

      Ich hatte ja bereits im Text erwähnt, dass ich die Übertragung des Rhetorikssystems in höchst vereinfachter Form vornehme. Du hast recht, wenn du sagst, dass unter Ethos mitunter auch die inner Haltung des Rednerns verstanden wird. Übersetzungs- und Interprationsweisen unterscheiden sich. Für mich steht der Begriff im gegenwärtigen Kontext im Synonymfeld zwischen Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl. In anderen Worten: die Verantwortung etwa mit einer Studie auf eine bessere gesellschaftliche Situation hinzustreben. Das ist mir als Sozialwissenschaftler wichtig — entsprechend meine Lesart des aristotelischen Rhetorikssystems in diesem Kontext –, dass Autoren gesellschaftlich relevanter Texte im Hinterkopf behalten, dass sie eine Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Mitmenschen tragen. Ich denke hier etwa an Menschen deren Textarbeit sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bewegt. Insofern verstehe ich deinen Punkt, ich werde eine entsprechende Ergänzung im Text vorzunehmen, um meinen Ausgangspunkt hier deutlicher zu machen.

      Der andere Punkt, warum ich den Bezug auf Aristoteles hilfreich finde, ist didaktischer Natur. Beim Textlektorat etwa wirkt er ziemlich gut, insofern als sich Autoren grundlegender Aspekte wie Textmotivation/Ausgangspunkt, Argumentation und zielgruppengerechte Adressierung widmen. Wie ich bereits gesagt habe, arbeite ich vornehmlich mit sozialwissenschaftlichen Texten, die von Hause aus einen gewissen, transformativen Anspruch stellen. In diesem Zusammenhang finde ich Aristoteles als Eselsbrücke recht hilfreich.

      Merci.

      Viele Grüße
      Alper

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